Hagelwetter suchte Nieder-Saulheim heim

Es war im Mai 1760. Dorfstraßen verwandelten sich in Ströme, 16 Menschen kamen ums Leben.
Am 9. Mai 2019 sind 259 Jahre seit dem Tag vergangen, an dem über der Gemarkung und dem Dorf Nieder-Saulheim ein schweres Hagelgewitter niederging. Professor Johann Neeb, der frühere Nieder-Saulheimer Bürgermeister, berichtete 1828 in der Zeitung “Die Ameise”, was ihm noch lebende Augenzeugen über das Unwetter zu erzählen wußten:
Der 9. Mai 1760 war für die Nieder-Saulheimer Gemeinde die traurige Veranlassung eines sogenannten Hagelfeiertages. An einem schwülen Tage gegen zwei Uhr nachmittags, als eben ein großer Teil der Gemeinde wegen des Begräbnisses einer Leiche in der Kirche versammelt war, rückte eine verderbliche Wetterwolke vom westlichen Tale her gegen das Dorf und entlud sich bei schnellen Donnerschlägen ihrer Wassermassen. Nach den noch befindlichen Zeichen am Pertheltore war das Wasser elf Schuh hoch.
Ein Bürger, so berichtet Bürgermeister Neeb weiter, habe in seiner Scheune zusammen mit seinem Knecht einige Gefache einzuschlagen versucht, um den eindringenden Fluten den Durchgang zu erweitern und so die Scheune vor dem Einsturz zu retten. Das immer höher steigende Wasser zwang jedoch beide, sich auf das Gebälk zu flüchten. Sie waren dort kaum angelangt, als über ihnen die ganze Scheune zusammenstürzte und sie in die Fluten riss. Wie durch ein Wunder blieben sie unverletzt, wurden aber mit den Trümmern der Scheune von den schmutzig-gelben Wogen taleinwärts getrieben. Die reißende Gewalt des Stroms hielt sie über Wasser. Der Knecht blieb an einem Gesträuch hängen, sein Herr gewann den Ast eines Pappelbaumes. Ein daher schwimmender Balken, der sich zwischen zwei Bäume legte, klammerte ihn am Baum fest. Todesgefahr ängstigte den Verlassenen, als sein Jugendfreund und Nachbar, der Verwalter des Freiherrn von Dienheim, mit zwei Pferden längs des Ufers des neuen Stromes nach ihm suchte. Als der das Geschrei des Davongeschwommenen hörte, zwang er seine Pferde in das Gewässer, schwamm mit ihnen zu seinem Nachbarn, befreite ihn von dem Balken und setzte ihn auf eines Pferde. Während der Bürger und sein Knecht mit dem Schrecken davonkam, starb der Retter – er hieß Peter Jox – einige Wochen später an einer Lungenentzündung, die er sich bei seiner braven Tat zugezogen hatte. Insgesamt kamen an diesem Tag 16 Menschen in den Fluten um. Augenzeugen berichteten, das Bild des Jammerns sei unbeschreiblich gewesen, als die aufgesuchten Leichen, unkenntlich von Schlamm, Wunden und Todeskrämpfen, am Rathaus zur Schau hingelegt, endlich von Gatten, Eltern und Verwandten erkannt worden seien. Noch jahrzehntelang wurde des schrecklichen Naturereignisses am 9. Mai 1760 gedacht. Die Dorfbewohner begingen den Gedenktag mit Bußgottesdiensten.
Martin Fölix
Ortsbürgermeister