Eismeer nach Hagelgewitter

Naturkatastrophe über Rheinhessen am 16. Juli 1927
Am Samstag, dem 16. Juli 1927, als nachmittags gegen 14.30 Uhr von Westen dunkle Gewitterwolken heranzogen, die ihren unheilvollen Eisregen auf Felder und Weinberge niederprasseln ließen.
Das Zentrum des Unwetters lag damals über den Gemeinden Stadecken, Ober- und Nieder-Saulheim sowie Udenheim und Schornsheim. Betagte Ober- und Nieder-Saulheimer erinnerten sich voller Schrecken an dieses Ereignis, als sich die Eismassen von den umliegenden Hängen durch die Ortsstraßen schoben, wo sich Hagelkörner bis zu einem Meter Höhe austauten. Die Ernte auf den Feldern war vernichtet, die Weinberge und Bäume trugen kein Laub mehr; als hätte der Winter schon seinen Einzug gehalten.
Der „Mainzer Anzeiger“ berichtete über die Naturkatastrophe in seiner Ausgabe am darauffolgenden Dienstag, 19. Juli 1927: „Achtundvierzig Stunden sind nun seit dem schweren Hagelwetter verstrichen. Eine Fahrt durch das Notgebiet gibt erschütternde Eindrücke von der verheerenden Wirkung der Naturmächte. Unser Wagen führt uns über Stadecken nach Nieder- und Ober-Saulheim. Rechts und links der Landstraße starren die Zweige entlaubter Bäume gegen den Himmel. Ab und zu hängen noch einige Fetzen grün-braunen fauligfarbenen Laubes dran. Die Baumfrucht, auch soweit sie noch nicht abgeschlagen ist, darf weithin als verloren gelten. Wie gewalzt sehen die Kartoffeläcker aus, Strunke ohne Kraut die Knollen bloßgelegt, Gerste und Hafer sind strichweise gänzlich verloren. Den Weinbergen sieht man von weitem schon an ihrer schwarzen Farbe an, wie das Unwetter sie zerstörte.
In Ober-Saulheim, wo drei schwere Gewitter am Samstag sich zur gleichen Zeit entluden, scheint der Schaden am größten zu sein. Der Bürgermeister des Ortes führt uns durch die Gemarkung. Wege sind aufgewühlt, die niedergelegenen Flächen gleichen einem Sumpflande. Spiegelglatt und ruhig liegt ein kleiner Weiher, vor drei Tagen noch Gemüseland. Das wenige Obst an den Bäumen ist zerschlagen. Vom Grün der Dickwurzfelder sieht man nichts mehr. Die Körner der Feldfrüchte liegen zerstreut auf dem Boden. Einwohner schließen sich unserem Gange durch das Sumpfgelände an und erzählen.
In dreiviertel Stunden hat sich die ganze Tragödie abgespielt. Mit zunehmender Stärke entlud sich das Unwetter. Auf den Feldern lagen die Hagelschloßen durchschnittlich 30 Zentimeter hoch. Im Orte stauten sich die Eiskörner, die die Größe von Taubeneiern hatten, bis zur Höhe von einem Meter und darüber. Aus den Kellern mussten sie herausgeschaufelt werden. Noch am Sonntagmorgen sah man winterliche Landstriche. Auch wir entdeckten noch Flächen mit körnigem Eis. Tote Schwalben liegen umher, ganze Ketten von Feldhühnern fielen dem Unwetter zum Opfer. Junge Hasen wurden erschlagen. Pferde kamen blutig heim. Etwa 1600 Morgen betrachtet man hier als verloren.
Auf der Weiterfahrt nach Udenheim sehen wir die Hügellandschaft linkerhand abgegrenzt durch die schwarzblauen und zum Teil kahlen Weinberge Stadecken. In Udenheim zeigt uns der Bürgermeister an einzelnen besonders traurigen Beispielen die Wirkungen des Unwetters. Zerschlagene Dachfenster an neugebauten Häusern, kahle Obstbäume, trostlose Gerstenfelder. Überall das gleiche Bild. Zwischen der Gemarkung Zornheim und Wörrstadt beginnt die Landschaft wieder freundlicher zu werden. Wir haben in diesem Jahr eine besonders gute Ernte zu erwarten gehabt, sagte man uns immer wieder. Von Wörrstadt aus geht es auf der Napoleonstraße zurück nach Mainz. Ein Zigeunertrupp lagert am Wege und lässt sich sein erbetteltes Nachtmahl munden, unbekümmert um das Elend zu beiden Seiten der Wegstrecke. Vom Straßeneinschnitt nach Udenheim bis zur Selz nach Nieder-Olm wirkt noch einmal das Bild der Vernichtung auf uns ein. Wie groß der Schaden ist, lässt sich ohne weiteres nicht abschätzen. Das muss der Arbeit besonderer Kommissionen überlassen bleiben.
(Ein Artikel von Alexander Schreiber)