Zu Saulheim steht der Ritter Hundt

Zur Errichtung seines Denkmals am 8. Mai 1987

Zeichnung des Ritter-Hundt-DenkmalsJetzt hört man von ihm nicht mehr nur singen und sagen – jetzt steht er auch in Lebensgröße da: als Steinfigur aller Welt sichtbar, mitten in Saulheim. Am 8. Mai 1987 ist „der Ritter Hundt“ endlich zum Wahrzeichen seines Heimatdorfs geworden. Vor allem Volke hat man ihm mit einem Kran auf die Beine geholfen, dem Vielgerühmten ein Denkmal gesetzt.

Der akademische Bildhauer und Steinmetzmeister Melchior Gresser junior aus Eisingen bei Würzburg hat das Standbild aus rotem Main-Sandstein geschaffen. Die Mainzer Volksbank hat es den Bürgern von Saulheim gewidmet und dem Ortsmittelpunkt damit einen verschönernden Akzent verliehen. Auch der Saulheimer MVB-Niederlassung, 1984 errichtet, gereicht das Denkmal zur Zierde. Es erstand im Glanz von zwei Jubiläen: Die MVB wird in diesem Jahre 125, ihre Saulheimer „Tochter“ 95 Jahre jung. Der Name Raiffeisenplatz, nun auch zum Ritter-Hundt-Platz geworden, verweist auf ihre Geschichte.

Es ist keine Frage, warum die Saulheimer – trotz vieler ehrenwerter Ritter, die hier hausten – ausgerechnet auf den Hundt gekommen sind. Und dann noch auf einen einzigen, legendären Vertreter seines großen Geschlechts. Irgendein Hundt muss so um 1500 alle Adelsgenossen ständig unter den Tisch getrunken haben. Die Kunde von seinem ungeheuren Weindurst soll sich in einer alten Mainzer Ballade niedergeschlagen haben, aus der sich das Lied vom Ritter Hundt entwickelt hat. Dem Refrain entnimmt man bei jeder Gelegenheit die Behauptung: „Herr Hundt von Saulheim soff den Wein/bei Sunn und auch bei Mondenschein“. Das hat den Ritter populär gemacht.

Die Bedeutung für Saulheim

Angesichts seiner besonderen Bedeutung für Saulheim ist mehr Wissen über das Geschlecht der Hundte ganz sicher willkommen. Dass sie die bedeutendsten aller aus Saulheim kommenden Edelleute waren, geht schon aus der Position ihres Wappens in der Abbildung rechts hervor. Also denn:

Die Hundte von Sowelnheim

WappenTrotz des Wau-Wau-Gebells im Ritter-Hundt-Lied soll der Name des Geschlechts nicht von unseren vierbeinigen Freunden sondern von der germanischen „Hundertschaft“ herkommen. Das waren hundert wehrfähige Männer, die zum „Hundsding“ (Thing) eilten, wo Recht gesprochen wurde. „Hun“ oder „Hund“ sollte der Würdige genannt worden sein, der dieser Körperschaft vorstand. Unsere Ritterfamilie variierte die Schreibweise ihres Namens durch die Jahrhunderte von „Hunt“ über „Hund“ bis „Hundt“. Wir halten uns an die letzte Version. Den Namensteil „von Saulheim“ kürzen wir im Folgenden auch mal mit „v. S.“ ab.

Ritter, die sich nach ihrem Wohnort „de Sowelnheim“, also „von Saulheim“ nennen, gibt es schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts. Sie stehen als Kleinadel in den Diensten der Erzbischöfe von Mainz oder des Hochadels – wie der von Bolanden oder von Hohenfels. Um 1300 sind aus dem Geschlecht derer „von Saulheim“ die sechs adligen Familien Erlenhaupt, Mohn, Hirth, Kreis (Ring), Salentin (Seltin) und Hundt geworden. Alle verbinden ihren Familiennamen mit dem Adelstitel „von Saulheim“. Alle sechs führen drei Halbmonde im Wappen, die wohl auf die Teilnahme an Kreuzzügen hinweisen sollen. Die „Türken-Halbmonde“, später auch „Heiden-Wappen“ genannt, werden in der Folgezeit mal zunehmend, mal abnehmend dargestellt, und die Hundte setzten noch einen schwarzen Stern dazwischen. Ihre Monde standen rot in silbernem Feld.

Freie Reichsritterschaft

Schon diese ersten sechs Saulheimer Adelsfamilien konnten sich im 14. Jahrhundert als reichsfreie Ritter zu einer Ganerbschaft zusammenschließen, einer alten Rechtsform, nach der sie ihren Wohnort gemeinsam verwalten durften, dort Recht sprechen mussten und über steuerliche Einkünfte gemeinschaftlich verfügen konnten. Alle zwei Jahre wurde ein adliger Ganerbe zum Bürgermeister gewählt. Die Rechte waren auf die nachfolgenden Geschlechter oder neue Ganerben übertragbar.

Von Fürsten unabhängig, waren solche Kleinterritorien im Prinzip nur dem Kaiser untertan. Die Nieder-Saulheimer Ganerben gehörten wie die Udenheimer, Bechtolsheimer, Mommenheimer und Schornsheimer Ganerben zum Kreise der oberrheinischen Reichsritterschaft, der ihre Interessen vertrat und seinen Sitz in Mainz hatte. Dass der dem Range nach „erste“ deutsche Kurfürst dort als kaisernaher Erzkanzler des Reiches residierte, hatte die Stadt zum Zentrum des reichsunmittelbaren Adels gemacht.

Auch aus diesem Grunde sahen die Hundte ihre Hauptstütze stets in Mainz, zumal die Pfalzgrafen und späteren Kurfürsten von der Pfalz den Ganerbschaften immer mehr Rechte abzutrotzen versuchten. Seit 1494 stand Nieder-Saulheim unter der „Schirmherrschaft“ von Kurpfalz. Ab 1683 hatte „der Pfälzer“ dort die Zollrechte (dem angrenzenden Mainz gegenüber) und konnte einen Obervogt zur Wahrnehmung seiner Rechte ansiedeln.

In Mainzer Diensten

Eine Urkunde aus dem Jahre 1311 berichtet als erste von einem „Hunt von Sowelnheim“ und die zweite 1338 von einem Ritter „Hermann Hunt“, dem Erzbischof Heinrich von Mainz soeben das Amt Burg Gieselwerder bei Aschaffenburg übergeben hatte. 1352 hält ein Hundt v. S. mit anderen Rittern dem Mainzer Erzbischof Heinrich die Treue, obwohl Papst Clemens VI. den Grafen Gerlach von Nassau als Erzbischof eingesetzt und alle Widersacher mit dem Kirchenbann belegt hat. 1360 bekundet ein Hundt v. S., dass er von Erzbischof Gerlach zum Erbburgmann auf Schloss Gernsheim ernannt worden ist. Die hoch angesehenen Hundte übernehmen wichtige Ämter und dehnen ihren Einfluss aus. Heiraten verbinden sie mit höherem Adel wie den Sickingern und Sponheimern, den Familien von Oberstein, Schönborn und Knebel von Katzenellenbogen.

Ab 1400 treten sie stärker als leitende Gerichtsherren hervor: in Nieder-Saulheim, Waldalgesheim und Schweppenhausen bei Stromberg wie auch in Nierstein, wo ein Hermann Hundt v. S. um 1470 dem Rittergericht vorgestanden haben soll. Seit 1935 wiederholen die Niersteiner Anfang August seinen Auftritt als Festspiel, lassen sie den Ritter vier Tage lang ihr Winzerfest regieren. Leert er nach dem Eintritt in blanker Rüstung den dreiviertel Liter fassenden Pokal „in einem Zug“, so pflegt er zu sagen: „Wem niemals ausgeht solcher Wein, um den ist’s gut bestellt, und dem erscheint im Sonnenschein die ganze krumme Welt.“

Ein prächtiges Grabdenkmal mit dem Drei-Monde-Wappen in der Niersteiner Martinskirche bezeugt übrigens, dass ein Ritter der Ganerbenfamilie Erlenhaupt von Saulheim bis zu seinem Tod anno 1539 in Nierstein ansässig war.

Wo überall das Wappen prangt

1471 erschienen die Hundte im Burgmannenverzeichnis von Alzey und Oppenheim. In dieser Zeit gab es in Nieder-Saulheim eine „Huntgasse“, in der die Hundte residiert haben müssen. Man vermutet, dass es in der Nähe der Schlossgasse gewesen ist. In einem Register des Mainzer Heilig-Kreuz-Stifts, das Nieder-Saulheim durch geistliche Betreuung verbunden war, wird diese Huntgasse genannt. Im Ortsteil Ober-Saulheim gibt es immer noch eine, und eine neue Ritter-Hundt-Straße verbindet beide Ortsteile heute.

Nachdem sie vom Mainzer Kurfürsten mit Lörzweiler belehnt worden ist, zieht eine Seitenlinie der Hundte im 16. Jahrhundert dorthin ins Schloss. Im 17. Jahrhundert geht der Ort durch Heirat an die Freiherren von Hettersdorff über. An der Choraußenwand der Lörzweiler Michaelskirche und drinnen, am Triumphbogen erinnern Drei-Monde-Wappen aber immer noch daran, dass die Hundte hier lange Ortsherren gewesen sind. Ihr Wappen ist auch im Wormser Dom auf der Grabplatte eines 1729 verstorbenen Hettersdorff für immer präsent. Der Kundige entdeckt es überrascht auch in der Vorhalle der Sarlesheimer Kirche bei Neu-Bamberg oder am Erker und an den Toren eines Renaissance-Hofes in St. Martin bei Maikammer in der Pfalz.

In der Simultankirche der Ganerbschaft Bechtolsheim kniet die Familie eines Hans Hundt v. S. an einem großartigen Epithaph vor einem Relief mit der Bekehrung des heiligen Paulus. Das Drei-Monde-Wappen mit dem Stern krönt das kostbare Grabdenkmal des 1595 verstorbenen Ritters. Eine Inschrift singt ein Loblied auf ihn. Den Figuren wurden leider die Köpfe abgeschlagen. 1651 ist ein Hundt erneut Ganerbe in Bechtolsheim.

Vom Dorf in den Dom

Das nun weitverzweigte Geschlecht ist inzwischen längst aus dem ländlichen Kleinadel heraus. In der Zeit von 1550 bis 1650 ist ein Jörg Hundt v. S. Deutsch-Ordens-Komtur in Frankfurt, ein Johann Friedrich Hundt v. S. wird Fürst und Groß-Prior des Johanniter-Ordens in Deutschland. 1581 wendet sich Johann Christoph Hundt v. S., Domherr zu Mainz und Speyer, wieder ins weltliche Leben zurück. Er wird „Fürstlich-Speyerischer Ober-Amtmann“, heiratet Christina von Dienheim und nach deren Tod Anna Praxedis von Partenheim. Drei von deren Söhnen machen Vaters „Resignation“, wie das damals hieß, wieder gut und werden Domherr zu Mainz, Domdechant in Speyer und Domherr zu Würzburg.

Den letzteren beruft Erzbischof-Kurfürst Johann Philipp von Schönborn nach Mainz. Es ist Adolf Hundt v. S., der 1665 als Domprobst einen Marienaltar „in den Dom stiftet“. Er steht heute als „Saulheimer Altar“ in der vorletzten Kapelle des nördlichen Seitenschiffs. Als Stifterwappen zeigt er die drei Halbmonde mit dem Stern – und in seiner rechten Seitennische die Figur des knieenden Stifters! Damit ist uns – nach der Bechtolsheimer „Enthauptung“ – die wohl einzige lebensechte Abbildung eines Hundts von Saulheim erhalten geblieben. Inschriften weisen auf „Adolphus Hundt a Saulheim“, seine Würden und Ämter hin. Sein Grab kennen wir nicht.

Unbekannt …

Türbogen… ist auch die Stelle, an der ein 1632 verstorbener Generalvikar Johann Wilhelm Hundt v. S. in der Mainzer Dom-Memorie bestattet worden ist, und ob es sich bei einem stark beschädigten gotischen Grabdenkmal an der Außenwand des Dom-Westchors um die Abbildung eines Hundt v. S. handelt, ist fraglich. Die beiden Wappen über seinem Haupt zeigen die Halbmonde ohne Stern.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gehören von den ersten Saulheimer Ganerbenfamilien nur noch die Hundte zum Ganerbenverband. Mächtigere Adelsgeschlechter haben die anderen beerbt, abgefunden oder verdrängt. Die bis zur französischen Revolution bestehende Ganerbschaft besitzen jetzt die Familien Langwerth von Simmern, von Wallbrunn, von Horneck, von Haxthausen, von Dienheim, von Vorster und Hundt von Saulheim. Die Hundte waren damals das älteste, aber nicht das letzte Saulheimer Ganerbengeschlecht. Und das ist ihr Finale:

Johann Adolf Hundt v. S. ist um 1660 als Obrist-Leutnant von Kurmainz Kommandant der Feste Königstein. Sein Enkel Johann Christian Hundt, Kurmainzer Geheimrat, lässt seinen Sohn Adolph Geistlicher werden. Dieser stirbt 1750 als Domprobst zu Fulda. Mit ihm erlischt urplötzlich das Geschlecht. Er war der letzte Hundt von Saulheim. Sein 1668 verblichener, gleichnamiger Verwandter Adolf v. S. war als Domprobst in Mainz dem höchsten Amt nahe, das ihm hätte zuteil werden können: dem des Erzbischof-Kurfürsten.

1793 wurden unter dem Revolutionsregime der Franzosen in Saulheim die Embleme der Wappen an den Adelshöfen zerschlagen. Mit der niedergelegten Bartholomäuskirche von Nieder-Saulheim verschwanden ab 1830 auch die seit 1324 darin errichteten Grabdenkmäler des Ortsadels. 1853 hat man ein auf dem Friedhof gefundenes Steinwappen mit den drei Halbmonden an einer Wand des Rathauses befestigt. Merkwürdigerweise stehen die Halbmonde darauf völlig anders als auf den uns sonst bekannten Wappen der Ritter von Saulheim, deren Tradition im Ortswappen weiterlebt (siehe Abbildung oben).

Alle Rechte bei Dr. Hans Kersting, Mainz

(Veröffentlicht zur Errichtung des Ritter-Hundt-Denkmals 1987 in Zusammenarbeit mit der Mainzer Volksbank e.G.)